Niedersächsischer Straßenbautag 2026: Gelebte Partnerschaft von der Charta bis zur Baustelle
Am 10. und 11. September 2026 wurde das CO/RE in Oldenburg zum zentralen Treffpunkt des Niedersächsischen Straßenbaus. Der Bauindustrieverband Niedersachsen-Bremen e. V. und der Baugewerbe-Verband Niedersachsen – vertreten durch ihre Fachgruppen für Straßen- und Tiefbau – hatten gemeinsam eingeladen.
Praktiker aus den Mitgliedsunternehmen nutzten die beiden Tage, um sich mit Experten aus Landesregierung, Politik, Forschung und Planung über die drängendsten Zukunftsthemen auszutauschen.
Gesellschaftliche Relevanz und Ausblick
Die Tagung eröffneten Dipl.-Ing. Lars Keller (Vorsitzender der Landesfachabteilung Straßenbau, Bauindustrieverband Niedersachsen-Bremen e. V.) und Dipl.-Ing. & Architekt Jens-Peter Zuther (Vorsitzender der Landesfachgruppe Straßenbau, Baugewerbe-Verband Niedersachsen). Keller betonte die gesellschaftliche Bedeutung des Straßenbaus und zeigte sich erfreut über die historische Aufstockung der Mittel für die Verkehrsinfrastruktur durch das Land Niedersachsen. Zuther unterstrich die Bedeutung des Straßenbautages und nannte ihn „das richtige Forum für den Austausch“. Zudem kündigte er bereits die nächste Veranstaltung für 2027 an, wenn der Straßenbautag zum fünften Mal stattfindet und nach Osnabrück zurückkehrt – dorthin, wo 2023 der erste Straßenbautag ausgerichtet wurde.
Am zweiten Tag begrüßte Wirtschafts-Ing. Phillip Benckendorf (Vizepräsident des Baugewerbe-Verbandes Niedersachsen) die Teilnehmenden und verdeutlichte die Sicht des mittelständischen Baugewerbes. Das Mehrjahresbauprogramm gebe zwar erstmals echte Planungssicherheit für Investitionen und Personal, doch nun gelte es, das Ganze in die Praxis zu übersetzen. Benckendorf wählte dafür ein anschauliches Bild: Staus durch Baustellen seien eigentlich ein gutes Zeichen – denn dort, wo gebaut wird, tut sich was. Gefährlich seien vielmehr die unsichtbaren Bürokratie-Staus im Bauablauf, vor Rathäusern oder in den eigenen Köpfen. „Partnerschaft darf nicht auf dem Papier enden. Sie muss auf der Baustelle funktionieren“, appellierte er. Denn nur wenn Bauablauf und Vergaben flüssig laufen, kommen die Ergebnisse strategischer Partnerschaften und Investitionen am Ende auch beim Bürger an.
Höhepunkt des zweiten Tages war der Vortrag von Staatssekretär Matthias Wunderling-Weilbier aus dem Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Bauen und Digitalisierung. Er hob hervor, dass Niedersachsen noch nie einen so hohen Haushalt für Straßen- und Tiefbaumaßnahmen zur Verfügung gestellt habe. Ein zentraler Baustein ist das historisch hohe Mehrjahresbauprogramm von 500 Millionen Euro bis 2029. Erstmalig ist damit sichergestellt, dass über mehrere Jahre hinweg kontinuierlich hohe Summen bereitstehen, wobei die Jahresbudgets flexibel gehandhabt und unter- bzw. überschritten werden können. Zudem sind die wichtigsten Bauvorhaben transparent mit ihren Haushaltsansätzen veröffentlicht worden. Dies schafft echte Planungssicherheit auf Marktseite und macht den schrittweisen Abbau des Sanierungsstaus endlich greifbar. Zugleich unterstrich der Staatssekretär die besondere Verantwortung des Landes: Aufgrund seiner geografischen Lage ist Niedersachsen mit seiner kritischen Infrastruktur – insbesondere Straßen und Brücken – für die Transportfähigkeit von Truppen und Rüstungsgütern im Sinne der Verteidigungsfähigkeit stärker gefordert als viele andere Bundesländer. Wunderling-Weilbier sprach der Branche ein ausdrückliches Lob aus und bekannte sich im Namen der Landesregierung deutlich zum eingeschlagenen Weg des partnerschaftlichen Bauens.
Kommunale Perspektiven
Den Auftakt aus kommunaler Sicht gestaltete Thomas Mehrtens, Leiter des Amtes für Verkehr und Straßenbau der Stadt Oldenburg, der kurzfristig für die erkrankte Stadtbaurätin einsprang. In seinem praktischen Einblick in aktuelle Oldenburger Umsetzungsprojekte wurde er deutlich: „Straßenbau tut weh. Aber trotzdem müssen die Infrastrukturprojekte vorangetrieben werden.“ Ungeachtet der weltpolitischen Entwicklungen, die das gesellschaftliche und wirtschaftliche Miteinander prägen, plädierte Mehrtens für Entschlossenheit: „Man muss auch mal den Mut haben, Neues zu probieren.“
Eine politische Einordnung der finanziellen Lage auf kommunaler Ebene ergänzte Christian Frölich, Mitglied des Niedersächsischen Landtages. In seinem Grußwort beleuchtete er die angespannte Haushaltslage der Städte und Gemeinden und verwies auf die Notwendigkeit des Infrastrukturausbaus, insbesondere in ländlichen Gebieten.
Praxistaugliche Lösungen für den Straßenbau
Für große Aufmerksamkeit sorgten am ersten Tag zwei Vorträge, die praxisnahe Lösungsansätze für typische Herausforderungen im Straßenbau vorstellten.
Jarl-Hendrik Kues (c.r.p. law. partnerschaft mbb, Frankfurt am Main) erläuterte in seinem Vortrag „Vergaberecht ist kein Hemmschuh“, dass Fach- und Teillosvergaben zwar nach wie vor Vorrang hätten, für Vergabestellen jedoch im Einzelfall die Möglichkeit der Gesamtvergaben bestehe.
Univ.-Prof. Dr.-Ing. Patrick Schwerdtner (Institut für Bauwirtschaft und Baubetrieb, TU Braunschweig) referierte zum Thema „Verbesserung der Zusammenarbeit im Straßenbau – Lösungsansätze vor und nach der Vergabe“. Seine These: Tragfähige Bauprojekte profitieren von einer partnerschaftlichen Kultur, transparenter Risikoverteilung und frühzeitiger Abstimmung aller Beteiligten.
Partnerschaft, Sondervermögen und Planungssicherheit
Ein zentraler Themenschwerpunkt war die inhaltliche Weiterentwicklung der „Charta für eine partnerschaftliche und effektive Zusammenarbeit im Straßenbau in Niedersachsen“, die im November 2025 unterzeichnet wurde. Darauf ging Timo Quander, Präsident der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr (NLStBV), detailliert ein. Auf Basis der Charta wächst die Erkenntnis, dass sich die enormen Investitionssummen nur verbauen lassen, wenn öffentliche Auftraggeber, Planer und Bauunternehmen eng und auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Ein konkretes Beispiel für dieses neue Miteinander ist die Implementierung eines Runden Tisches mit einem geregelten Eskalationsverfahren: Meinungsverschiedenheiten – etwa zu Mehrkosten während der Bauausführung – sollen künftig vertrauensvoll und fair gelöst werden, damit der Bauablauf nicht unterbrochen wird. Die langfristige Planbarkeit der Projekte bringt zudem enorme Vorteile für die Personalplanung, da Verwaltung und Bauwirtschaft um dieselben Fachkräfte buhlen. Quander regte außerdem an, bestehende Freiheitsgrade aktiv zu nutzen – auch wenn Behörden selten als Innovationstreiber gelten.
Innovationen in Forschung und Praxis
Neben den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen bot das Programm vertiefte Einblicke in Forschung und Baupraxis. Olaf Stolzenburg vom Forschungsinstitut für Flüssigboden präsentierte dabei energie- und kostensparende Lösungen mit Flüssigboden – einem innovativen Baumaterial, das sich vielseitig verarbeiten lasse und Projekte durch seine Planungssicherheit „bankstabil“ mache.
Als Keynote-Speaker widmete sich Dr. Stephan Richter (GEF Ingenieur AG, Leimen) der zentralen Zukunftsfrage: „Kann die Zukunft des Bauens partnerschaftlich sein?“ Im Fokus seines Vortrags stand die Frage, ob eine frühere und engere Kooperation tatsächlich zu besseren Bauergebnissen führt. Richter hob hervor, dass ein gemeinsames Vokabular essenziell sei, um Missverständnisse im Projektablauf von vornherein zu vermeiden. Zugleich verwies er auf die Grenzen partnerschaftlicher Ansätze, solange veraltete Muster bei Kommunikation und Risikoverteilung fortbestehen. Sein Fazit: Nur wenn sich Denkweisen und Rahmenbedingungen auf allen Ebenen ändern, wird ein störungsfreies, gleichberechtigtes Arbeiten aller Akteure möglich.
Abgerundet wurde dieser Block durch wertvolle Impulse aus der Praxis: Christian Guss (Qualitätsgemeinschaft Städtischer Straßenbau e.V.) beleuchtete die fachtechnische Bietereignung für Straßenbauleistungen am Beispiel der Berliner Wasserbetriebe, während Dipl.-Ing. Theo Heitkamp (Klaus Stewering GmbH & Co. KG) das Konzept der Integrierten Projektabwicklung (IPA) als Chance für Bauherren und Mittelstand vorstellte. Abgerundet wurden die Beiträge durch Max Hechler (Die Autobahn GmbH des Bundes), der Konzepte zur Verkehrsführung bei der Grunderneuerung der A29 präsentierte.
Theorie wird zur gelebten Praxis
Der Niedersächsische Straßenbautag 2026 bewies erneut, wie wertvoll der direkte Austausch zwischen Praxis, Forschung und Politik ist. Die Umsetzung der Charta für den Straßenbau in gelebte Baupraxis nimmt spürbar Fahrt auf. Ein herzlicher Dank gilt allen Referenten, Ausstellern und Teilnehmenden. Ein solch erfolgreicher Rahmen wäre ohne die Unterstützung der Sponsoren nicht möglich gewesen: VHV Versicherungen, GP Papenburg, IST Ingenieurbüro, Kuhn und Partner Ingenieure sowie Zertifizierung Bau.