Standpunkt

Die Baustselle 8-9/2022
das deutsche Baugewerbe wird immer älter. Wie andere Wirtschaftszweige auch, ist die Bauwirtschaft zunehmend von der demografi schen Entwicklung betroffen.

Im Jahr 2020 waren laut der SOKA BAUStatistik 24 Prozent der gewerblichen Arbeitnehmer älter als 55 Jahre, 50 Prozent mehr als im Jahr 2011. Das Lebensalter der Betriebsinhaber steigt ebenfalls stetig an – mit fatalen Folgen für den Unternehmerstamm. Nach einer repräsentativen Unternehmensbefragung des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) im Baugewerbe planen fast 47 Prozent aller Betriebsinhaber aus dem Bauhaupt- und Baunebengewerbe, sich bis zum Jahr 2030 aus dem Unternehmen zurückzuziehen. Neun Prozent wollen ihren Betrieb stilllegen und 44 Prozent sind unentschieden, ob sie den Betrieb übergeben oder stilllegen sollen. Die Dimension in absoluten Zahlen ist gewaltig. Rund
163.000 baugewerbliche Betriebe stehen in den kommenden 10 Jahren altersbedingt zur Übergabe an. Davon werden nur 12.000 bis 15.000 auch tatsächlich übergeben, die restlichen vermutlich stillgelegt. Die von den Unternehmern am häufi gsten genannte Hürde der Unternehmensnachfolge ist dabei die Schwierigkeit, geeignete Nachfolgekandidaten zu
finden. Diese ungeplanten Betriebsstilllegungen werden nach IfM-Schätzungen zu einem Rückgang der durch
das Baugewerbe direkt erzeugten Bruttowertschöpfung von über 12 Mrd. Euro führen und rund 150.000 Arbeitsplätze betreffen. Die Verfasser der Studie vermuten aber, dass ein Großteil der Arbeitsplätze und Aufträge der entsprechenden Unternehmen durch Betriebe aus anderen Branchen oder aus dem Ausland aufgefangen wird. Damit ist zwar der gesamtwirtschaftliche Schaden nicht allzu groß, der Verlust für die baugewerblichen Organisationen ist aber umso
schmerzlicher. Aufhalten lässt sich der Schrumpfungsprozess nicht, aber gestalten. Die frühzeitige Planung einer möglichen Übergabe erhöht die Chancen zur Fortführung des Unternehmens und sorgt für einen realistischeren Blick darauf, unter welchen Bedingungen Fortführungsbestrebungenm erfolgversprechend sind. Dass mancher Unternehmer angesichts der jetzt schon vierten Änderung der Förderkonditionen im Gebäudebereich in diesem Jahr aber die Lust am Unternehmerdasein verliert, ist ihm bei diesem Förderchaos nicht zu verdenken. Die Beratungen zur Unternehmensnachfolge, die Verbände, Kammern und Steuerberater anbieten, werden in Zukunft noch öfter in Anspruch genommen werden.

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